Baustile in den Zeitepochen

Die Menschheit hat, seitdem sie repräsentative Gebäude errichtete, meist regional und zeitlich gewisse Einheitlichkeit angestrebt. So haben sich in Europa folgende Bezeichnungen der Grundformen - zumindest aus der Rückbetrachtung der Kunstgeschichte her - über Jahrhunderte hinweg durchgesetzt:

Byzantinische Formen von etwa 600 bis etwa 1000

Romanische Bauwerke von 1000 bis 1200

Gotische Baustrukturen von etwa 1200 bis etwa 1500

Renaissancestil , eher im Süden Europas von etwa 1500 bis etwa 1620

Das Barock ab 1620 wurde vom Rokoko bis 1770 abgelöst,

Unmittelbarer Vorgänger-Stil war jedoch eher der „ Klassizismus “ und gesellschaftlich die beginnenden „Gründerjahre“ in der Wirtschaft und der Aufbruch der Demokratie, ab 1800,

Nachfolger des Historismus waren ab etwa 1920 das „Neue Bauen“ bzw. die „Moderne“ und die „Neue Sachlichkeit“ .

Als zeitliche Begleitformen des „Historismus“ rechnen die Autoren zumindest in der Zeit ab 1898 bis spätestens 1920 den „Jugendstil“ dazu, der bereits einen gewissen Aufbruch markierte, und in einigen Regionen den sog. „Heimatstil“ , der eher der Verinnerlichung und teilweise der Abwehr ( „Heimatschutzstil“ ) diente. Daher werden diese beiden Bewegungen hier in der Zeitepoche mitbehandelt.

Mit Beginn der Industrialisierung entwickelten die Baumeister oft unter Rückgriff auf Formen dieser vorstehenden Stilelemente zusammengefügte Bau- und oft nur Dekorationsformen, die heute mit der Vorsilbe "Neu" in die Bau- und Stilgeschichte eingegangen sind. Erst in den 30-Jahren des 19.Jahrhunderts fassten Kritiker, meist mit dem Begriff "Eklektizismus" verbunden, diese Stilmischungen unter "Historismus" zusammen. Der Begriff bezeichnet damit die gewählte historische Reminiszenz an die vergangenen Stilepochen. Je nach Standort (z.B. in Frankreich, England, Deutschland, Österreich-Ungarn oder in anderen Staaten entweder eher königs- oder kaisertreu oder eher liberal-kritisch usw.) wird damit z.B. eine neugotische oder neuromanische Bau- und Gestaltungsform gemeint.

Es wurden aber auch andere Stile nachempfunden. Hierbei haben die Baumeister selbst oft nicht den künstlerischen Maßstab gesetzt, sondern die Bauherren in ihren Aufträgen genaue Vorgaben gemacht. Dabei kamen in dieser Zeit parallel der "Heimatstil" eher als "Bewegung", der kurzlebige "Jugendstil" ab ca. 1900 eher als ein dekorativer "Bau- oder Gestaltungsstil" hinzu. Der Historismus wurde dagegen bald nach dessen Ausklingen zum ersten Weltkrieg vom Beginn der Moderne mit dem "Neuen Bauen" (etwa ab 1918-20, später Bauhaus) sang und klanglos verdrängt und zunächst lange vergessen.

Ende des vorigen Jahrhunderts begann die Wissenschaft, den Historismus doch hier und da als eigenständige "Baukunst" zu würdigen, insbesondere soweit die gelungenen Formen der Mischungen und deren technisch hochwertige Verbindungen mit neuen Bautechniken und Baumaterialien (Eisen, Stahl, Beton) interessante Neuschöpfungen ergaben. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts wurde diesen Sakralbauten (Kirchen, Synagogen und ab den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts auch Moscheen) in Ihrer meist städtischen Umgebung zumindest von den Kirchengemeinden und Glaubensgemeinschaften in diesen Gebäuden eine individuell empfundene "Schönheit" zugesprochen. Auch nach einer Phase der sog. "Purifizierung" nach dem zweiten Weltkrieg - d.h. der Entfernung von als überladen empfundenem Schmuck und von Farbe durch schmucklose, sparsamere Strukturen - wurden die Gebäude gern benutzt. Inzwischen findet in vielen dieser Historismus-Gebäude sogar öfter eine Wiederherstellung oder Restaurierung der alten Malereien und Schmuckelemente statt (Denkmalschutz).

 

Allgemeines zu Gotik und Neugotik

Spitzbogen, Kreuzrippengewölbe sowie das Strebewerk mit Strebebogen und Strebepfeilern stellen Hauptmerkmale der Gotik dar. Für die Fenster ist das so genannte Maßwerk mitbestimmend, für die Dachformen sind Fialen (kleine Zwischentürmchen) prägend. Da an gotischen Kirchen oft über Jahrzehnte, ja manchmal über Jahrhunderte hinweg gebaut wurde, ist nicht ein Baumeister prägend gewesen, sondern Bauhütten, wodurch der Bau aus einem Guss verhindert wurde. Oft haben Brände und Kriege oder Wechsel der Bauherren im Mittelalter die Bauarbeiten unterbrochen, später wurden oft zeitgemäße Teile angefügt, die nicht mehr dem Urmodell entsprechen mussten. Teilweise wurden sie, wie etwa beim Kölner Dom oder Ulmer Münster, erst spät im 19. Jahrhundert vollendet und beim Restbau bereits neugotische Ausstattungen und Formen gewählt. Auf jeden Fall sind sehr oft an hochgotischen Gebäuden im 19. Jahrhundert Veränderungen vorgenommen worden, so dass manchmal der Urzustand nicht mehr bekannt ist.

Gotik als Formensprache des Mittelalters entstand etwa um 1250 in Frankreich und England. In Deutschland wurde sie erst später heimisch, insbesondere nachdem dazu die Bezeichnung als "Deutscher Stil" aufkam. Die Gotik endete bereits vor der Zeit der Reformation, zeigt aber an verschiedenen Objekten bereits den Aufbruch in die Neuzeit, die Aufklärung auf. Gotik im Sakralbau zeichnet sich insbesondere aus durch Spitzbogen an Portalen, Türen und Fenstern, sowie durch hoch aufstrebende Türme und schlanke, hohe Wände, die deshalb ein besonderes Stützsystem benötigen. Kirchen und auch Profanhallen dieser Zeit wurden filigran-transparent und meist mit hohen Dächern errichtet, und stets mit stützenden Strebepfeilern und Gegenträgern ausgestattet. Darauf wurden meist Fialen gesetzt, um die aufstrebende Form zum Himmel hin optisch zu unterstützen. Die hohen Kirchenfenster waren meist mit künstlerisch reichem Glasbildwerk (bleiverglast) und einem neuartigen Maßwerk (kunstvoll gebogene Streben zum Halt der Farbgläser in der Fensterspitze) verschönt. Der so genannte Hochaltar wurde oft mit hohen Flügelaltären ausgefüllt und durch geschnitztes hölzernes Gestühl für die Würdenträger mit hoher Kopfstütze im Chorraum umstellt.

Die Neugotik hat all dies nachgeformt, meist aus Kostengründen sehr vereinfacht, gelegentlich aber bei so genannten Gedenkkirchen für Herrscher oder bedeutende Anlässe auch für diese spätere Zeit überdurchschnittlich wertvoll ausgestattet. Naturgemäß wurden diese Kirchen und Basiliken ab 1850/1860 viel schneller als die Vorbilder - meist innerhalb von zwei bis drei Jahren fertiggestellt. Ende des 19. Jahrhunderts waren die so genannten Stadtkirchen meist nur noch optisch neugotisch, die innere Struktur war dagegen durch Verwendung neuer Baustoffe breiter ausgeführt und nicht mehr so hoch, weil es im evangelischen Glaubensbereich eher auf die große Anzahl von Gottesdienstbesuchern (bis über 3000) ankam und daher oft sogar zwei Emporenebenen eingezogen wurden. Die Anordnung der Sitzplätze war ab 1891 öfter auf das Zentrum gerichtet (eher als "Zentralraum in neugotischer Umhüllung"). Entweder wurden noch Kanzelaltäre gebaut oder die geschnitzten Kanzeln wanderten von der Mitte an Seitenpfeiler.

Allgemeines zu Romanik und Neuromanik

Die Epoche (etwa 1000 bis 1200) wird als international am weitesten verbreitet eingeschätzt. Sie kannte aufgrund der ausgedehnten Reisen der Künstler und der Pilgerfahrten keine Landesgrenzen oder nationale Schranken mehr, wenn auch die architektonischen Details in der Realisierung oft höchst unterschiedlich ausfielen. Man spricht von fränkischen oder staufischen Formen, am Mittelmeer wurde eine filigranere Form gebaut. Einige Dome in Deutschland und andere wichtige Kirchen in Europa basieren auf romanischen Strukturen wie Cluny, Kölner Kirchen, Maria Laach, Modena, Verona, Florenz, Speyer. Selbst bei Beginn der so genannten französischen Frühgotik wurde in verschiedenen Ländern auch noch im 13. Jahrhundert romanisch gebaut.

Typisch für diesen Baustil sind die gerundeten Formen, die breite Anlage der Bauten, meist durch den Bautyp Basilika gefördert mit breiten Nebenschiffen der Kirchen und Dome. Die Fenster waren stets mit einem Rundbogen versehen, meist durch stark betonte Säulen aufgeteilt. Die Säulen in den Hallen und Kirchenschiffen hatten mächtige Kapitelle und waren oft sehr stark gebaut. Statik war damals noch nicht genau berechenbar, man baute eben einfach massiver, als vielleicht nötig und damit sicherer. Daher stehen viele dieser Kirchen noch heute.

Dann folgte nach 1300 erst im 19. Jahrhundert die Wiederentdeckung der Rundbogenformen im Zusammenwirken mit den massiv erscheinenden neuromanischen Baukörpern. Zunächst musste der spielerische Barock und Rokoko ausklingen, man war der verspielten Formen überdrüssig. Der darauf folgende Klassizismus wirkte manchen Auftraggebern teilweise zu streng oder zu höfisch-preußisch. Nach Auslaufen des Klassizismus mit Klenze in München und Schinkel im Norden Deutschlands suchte man wieder einen deutlich massiveren Baustil. Viele Auftraggeber wollten wieder klare feste Linien und Strukturen sehen.

Erste Architekten begannen um 1850 herum die Sakralbauten u.a. wieder mit Rundbogenfenstern und breiteren Gebäudestrukturen zu entwerfen. Dabei konnten bereits neue Baumaterialien wie Eisen und Stahl sowie später Beton eingefügt werden. Die Bauwissenschaft lernte Statikberechnungen kennen und wendete sie an, so dass die Kirchen breiter werden konnten und dennoch die Mauern nicht mehr so massiv ausfallen mussten. Es war eher eine optische Reminiszenz als eine bewusste Stilwahl. Die Bedeutung der Neuromanik erscheint global eher geringer als die der Neugotik, die ihrerseits von England her auch international stark verbreitet wurde wie in den USA und Australien.

Allgemeines zu anderen Baustilen

Die Bau- und Architekturgeschichte wird seit Jahrhunderten hinweg generell, jeweils abhängig von gesellschaftlichen Prozessen, etwa den Wohn- und Arbeitsverhältnissen der Bewohner und von dem jeweiligen technischen Vermögen (Ingenieurkunst) der Baumeister sowie vom Zeitgeschmack und den Regeln des Zusammenlebens der Benutzer bestimmt. Bei Sakralbauten kommen theologische Grundfragen hinzu, die sich aber ebenfalls wandeln und meist ethnisch-regionale Besonderheiten aufweisen. Äußerlich kann ein römisch-katholisches Gotteshaus in Südamerika möglicherweise stilistisch stärker von Kirchen in Rom abweichen, als unter Umständen eine protestantische Auslandskirche in Asien von evangelischen Kirchen in Norddeutschland. Gleiches gilt für den mosaischen Stil der Synagogen und für die Moscheen der verschiedenen Fassetten der Glaubensrichtung Islam. In den Innenräumen dagegen werden schon eher religiöse Bedingungen vorgeschrieben, die es für die Architekten einzuhalten gilt. Das bezieht sich etwa auf den Thoraschrein der Juden, die Mekka-Ausrichtung der Gebete bei den Muslimen, die Ausrichtung des Saales als Predigtkirche bei Protestanten oder die Altäre für Heilige bei den Katholiken. Zeitlich sind die Gebäude oft durchaus vom Zeitgeist und der jeweiligen Region geprägt. Heute werden Sakralbauten eher nach funktionellen Gesichtspunkten errichtet und gestaltet, früher waren sie eher statusabhängig und repräsentativ im Sinne der jeweiligen Herrscher, Religionsführer oder Geldgeber.

Einerseits sind im reinen christlichen Kirchenbau um 1900 herum auch andere Stilrichtungen der Vergangenheit im Historismus nachempfunden worden, andererseits wurden, wie im Profanbau, bereits neue Entwicklungen während der Dauer des Historismus begonnen (Jugendstil) bzw. aus den bekannten Mustern heraus entwickelt (Heimatstil). Auch im nichtchristlichen Sakralbereich wurden nach 1900 neue Wege gewählt (Historismus-Synagogen oder modernere Moscheen). Hier einige Grundsätze zu diesen weiteren Stilformen:

Jüdische Synagogen wurden oft als repräsentative Einzelobjekte errichtet. Es gab aber auch manchmal, bedingt durch Platzmangel, in Stadtquartieren eng eingebaute Objekte. Die meist assimilierten jüdischen Baumeister in Deutschland haben sich in der Regel am Sakralbaustil der Christen orientiert. Dabei wurde in der Regel der neuromanische Stil bevorzugt, zumal damit eine gewisse Rückbesinnung etwa auf maurische Rundbogenformen möglich war.

Muslimische Moscheen wurden auch in Europa oder Amerika eher maurisch-orientalisch-indisch gestaltet. Dabei sollte für die fern der Heimat lebenden Muslime ein Heimatgefühl entstehen, dass es leichter macht, dem fernen Glaubenspunkt Mekka nahe zu sein. Die Innenausrichtung der unbestuhlten Moscheen gilt den generell üblichen Gebetspunkten. Die Sprache der Gebete orientiert sich an den Ursprungssprachen, die Zeichen als einzige Schmuckelemente weisen arabische Schriftzeichen auf. Bilder sind verboten.

Der Jugendstil (andere Länder haben eigene Bezeichnungen, in Österreich z.B. Secession) war eine Antwort auf den reinen Späthistorismus mit dem Ziel, von den bis dahin strengen linearen, strukturellen Formen wegzukommen. Es war kein eigener Baustil, sondern eher ein Dekorationsprinzip für Gegenstände und Gebäude. Einige besonders kreative Architekten haben sich aber dadurch herausgehoben, dass sie auch neue bauliche Formen mit fließenden Linien und Rundungen in die Architektur eingeführt haben, wie z.B. Gaudi in Barcelona und O. Wagner in Wien.

Der Heimatstil (später auch Heimatschutzstil) entstand aus der aus England kommenden Gartenstadtbewegung und -kultur. Menschen wohnen gemeinsam nicht mehr in sterilen Wohnquartieren, sondern inmitten gärtnerisch gepflegter Lebensumgebungen in einer gewissen ideellen Gemeinschaft ohne ideologische Einheitlichkeit. Darin wurden Gemeinschaftshäuser, Einkaufsmöglichkeiten und Kirchen zentral errichtet. Nach den stilistischen Vorbildern dieser Bauten wurden häufig auch Einzelkirchen anderswo in kleineren Städten und Dörfern errichtet.

Die Diaspora ist ein allgemeiner Begriff, der anzeigt, wo Menschen in der Zerstreuung in meist kleiner Anzahl zwischen Mehrheitsgemeinschaften leben. Teilweise ist dies dynamisch durch Wegzug früherer Mehrheitsbevölkerung (etwa in Großstädten mit Stadtquartieren mit wachsenden Migrantenzahlen) oder durch Zuzug einer Minderheit (etwa syrisch-orthodoxe Christen in der Türkei nach Europa oder Vertriebene nach dem 2. Weltkrieg in Europa) entstanden. Die Sakralbauten dieser Menschen bedienen sich entweder ehemaliger Gebäude früherer Bewohner (leere Kirchen) oder bauen selbst an diesen Orten (etwa orthodoxe Zentren) Im Habsburger Reich haben z.B. die evangelischen Christen nach der Aufhebung des Bauverbots durch den Kaiser Kirchen nach Vorbildern aus Deutschland errichtet.

Gerhard Ballewski


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